Der Graf von Thal

eine Ballade von Annette von Droste-Hülshoff

I

  1. Das war der Graf von Thal,
  2. So ritt an der Felsenwand;
  3. Das war sein ehlich Gemahl,
  4. Die hinter dem Steine stand.
  5. Sie schaut‘ im Sonnenstral
  6. Hinunter den linden Hang,
  7. „Wo bleibt der Graf von Thal?
  8. Ich hört‘ ihn doch reiten entlang!“
  9. „Ob das ein Hufschlag ist?
  10. Vielleicht ein Hufschlag fern?
  11. Ich weiß doch wohl ohne List,
  12. Ich hab‘ gehört meinen Herrn!“
  13. Sie bog zurück den Zweig.
  14. „Bin blind ich oder auch taub?“
  15. Sie blinzelt‘ in das Gesträuch,
  16. Und horcht‘ auf das rauschende Laub.
  17. Oed‘ war’s, im Hohlweg leer,
  18. Einsam im rispelnden Wald;
  19. Doch über’m Weiher, am Wehr,
  20. Da fand sie den Grafen bald.
  21. In seinen Schatten sie trat.
  22. Er und seine Gesellen,
  23. Die flüstern und halten Rath,
  24. Viel lauter rieseln die Wellen.
  25. Sie starrten über das Land,
  26. Genau sie spähten, genau,
  27. Sahn jedes Zweiglein am Strand,
  28. Doch nicht am Wehre die Frau.
  29. Zur Erde blickte der Graf,
  30. So sprach der Graf von Thal:
  31. „Seit dreizehn Jahren den Schlaf
  32. Rachlose Schmach mir stahl.“
  33. „War das ein Seufzer lind?
  34. Gesellen, wer hat’s gehört?“
  35. Sprach Kurt: „Es ist nur der Wind,
  36. Der über das Schilfblatt fährt.“ –
  37. „So schwör‘ ich beym höchsten Gut,
  38. Und wär’s mein ehlich Weib,
  39. Und wär’s meines Bruders Blut,
  40. Viel minder mein eigner Leib:“
  41. „Nichts soll mir wenden den Sinn,
  42. Daß ich die Rache ihm spar‘;
  43. Der Freche soll werden inn‘,
  44. Zins tragen auch dreizehn Jahr‘.“
  45. „Bei Gott! das war ein Gestöhn!“
  46. Sie schossen die Blicke in Hast,
  47. Sprach Kurt: „Es ist der Föhn,
  48. Der macht seufzen den Tannenast.“ –
  49. „Und ist sein Aug‘ auch blind,
  50. Und ist sein Haar auch grau,
  51. Und mein Weib seiner Schwester Kind -„
  52. Hier that einen Schrei die Frau.
  53. Wie Wetterfahnen schnell
  54. Die Dreie wendeten sich.
  55. „Zurück, zurück, mein Gesell!
  56. Dieses Weibes Richter bin ich.“
  57. Hast du gelauscht, Allgund?
  58. Du schweigst, du blickst zur Erd‘?
  59. Das bringt dir bittre Stund‘!
  60. Allgund, was hast du gehört?“ –
  61. „Ich lausch‘ deines Rosses Klang,
  62. Ich späh‘ deiner Augen Schein,
  63. So kam ich hinab den Hang.
  64. Nun tue was Noth mag seyn.“ –
  65. „O Frau!“ sprach Jakob Port,
  66. „Da habt ihr schlimmes Spiel!
  67. Grad‘ sprach der Herr ein Wort,
  68. Das sich vermaß gar viel.“
  69. Sprach Kurt: „Ich sag‘ es rund,
  70. Viel lieber den Wolf im Stall,
  71. Als eines Weibes Mund
  72. Zum Hüter in solchem Fall.“
  73. Da sah der Graf sie an,
  74. Zu Einem und zu Zwei’n;
  75. Drauf sprach zur Fraue der Mann:
  76. „Wohl weiß ich, du bist mein.“
  77. „Als du gefangen lagst
  78. Um mich ein ganzes Jahr,
  79. Und keine Sylbe sprachst:
  80. Da ward deine Treu‘ mir klar.“
  81. „So schwöre mir denn sogleich:
  82. Sey’s wenig oder auch viel,
  83. Was du vernahmst am Teich,
  84. Dir sey’s wie Rauch und Spiel.“
  85. Als seye nichts gescheh’n,
  86. So muß ich völlig meinen;
  87. Darf dich nicht weinen seh’n,
  88. Darfst mir nicht bleich erscheinen.“
  89. „Denk‘ nach, denk‘ nach, Allgund!
  90. Was zu verheißen Noth.
  91. Die Wahrheit spricht dein Mund,
  92. Ich weiß, und brächt‘ es Tod.“
  93. Und konnte sie sich besinnen,
  94. Verheißen hätte sie’s nie;
  95. So war sie halb von Sinnen,
  96. Sie schwur, und wußte nicht wie.
  97. II

  98. Und als das Morgengrau
  99. In die Kemnate sich stahl:
  100. Da hatte die werthe Frau
  101. Geseufzt schon manches Mal;
  102. Manch Mal gerungen die Hand,
  103. Ganz heimlich wie ein Dieb;
  104. Roth war ihrer Augen Rand,
  105. Todtblaß ihr Antlitz lieb.
  106. Drei Tage kredenzt‘ sie den Wein,
  107. Und saß bei’m Mahle drei Tag‘,
  108. Drei Nächte in steter Pein
  109. In der Waldkapelle sie lag.
  110. Wenn er die Wacht besorgt,
  111. Der Thorwart sieht sie gehn,
  112. Im Walde steht und horcht
  113. Der Wilddieb dem Gestöhn‘.
  114. Am vierten Abend sie saß
  115. An ihres Herren Seit‘,
  116. Sie dreht‘ die Spindel, er las,
  117. Dann sahn sie auf, alle beid‘.
  118. „Allgund, bleich ist dein Mund!“
  119. „Herr, ’s macht der Lampe Schein.“
  120. „Deine Augen sind rot, Allgund!“
  121. „‚S drang Rauch vom Herde hinein.“
  122. „Auch macht mir’s schlimmen Muth,
  123. Daß heut vor fünfzehn Jahren
  124. Ich sah meines Vaters Blut;
  125. Gott mag die Seele wahren!“
  126. „Lang ruht die Mutter im Dom,
  127. Sind Wen’ge mir verwandt,
  128. Ein‘ Muhm‘ noch und ein Ohm:
  129. Sonst ist mir keins bekannt.“
  130. Starr sah der Graf sie an:
  131. „Es steht dem Weibe fest,
  132. Daß um den ehlichen Mann
  133. Sie Ohm und Vater läßt.“
  134. „Ja, Herr! so muß es seyn.
  135. Ich gäb‘ um Euch die zweie,
  136. Und mich noch obendrein,
  137. Wenn’s seyn müßt‘, ohne Reue.
  138. „Doch daß nun dieser Tag
  139. Nicht gleich den andern sey,
  140. Les’t, wenn ich bitten mag,
  141. Ein Sprüchlein oder zwei.“
  142. „Und als die Fraue klar
  143. Darauf das heil’ge Buch
  144. Bot ihrem Gatten dar,
  145. Es auf von selber schlug.
  146. Mit Einem Blicke er maß
  147. Der nächsten Sprüche einen;
  148. „Mein ist die Rach'“, er las;
  149. Das will ihm seltsam scheinen.
  150. Doch wie so fest der Mann
  151. Auf Frau und Bibel blickt,
  152. Die saß so still und spann,
  153. Dort war kein Blatt geknickt.
  154. Um ihren schönen Leib
  155. Den Arm er düster schlang:
  156. „So nimm die Laute, Weib,
  157. Sing‘ mir einen lust’gen Sang!“
  158. „O Herr! mag’s euch behagen,
  159. Ich sing‘ ein Liedlein werth,
  160. Das erst vor wenig Tagen
  161. Mich ein Minstrel gelehrt.“
  162. „Der kam so matt und bleich,
  163. Wollt‘ nur ein wenig ruh’n,
  164. Und sprach, im oberen Reich
  165. Sing‘ man nichts Anderes nun.“
  166. Drauf, wie ein Schrei verhallt,
  167. Es durch die Kammer klingt,
  168. Als ihre Finger kalt
  169. Sie an die Saiten bringt.
  170. „Johann! Johann! was dachtest du
  171. An jenem Tag,
  172. Als du erschlugst deine eigne Ruh‘
  173. Mit Einem Schlag?
  174. Verderbtest auch mit dir zugleich
  175. Deine drei Gesellen;
  176. O, sieh nun ihre Glieder bleich
  177. Am Monde schwellen!
  178. Weh dir, was dachtest du Johann
  179. Zu jener Stund‘?
  180. Nun läuft von dir verlornem Mann
  181. Durch’s Reich die Kund‘!
  182. Ob dich verbergen mag der Wald,
  183. Dich wird’s ereilen;
  184. Horch nur, die Vögel singen’s bald,
  185. Die Wölf‘ es heulen!
  186. O weh! das hast du nicht gedacht,
  187. Johann! Johann!
  188. Als du die Rache wahr gemacht
  189. Am alten Mann.
  190. Und wehe! nimmer wird der Fluch
  191. Mit dir begraben,
  192. Dir, der den Ohm und Herrn erschlug,
  193. Johann von Schwaben!“
  194. Aufrecht die Fraue bleich
  195. Vor ihrem Gatten stand,
  196. Der nimmt die Laute gleich,
  197. Er schlägt sie an die Wand.
  198. Und als der Schall verklang,
  199. Da hört man noch zuletzt,
  200. Wie er die Hall‘ entlang
  201. Den zorn’gen Fußtritt setzt.
  202. III

  203. Von heut am siebenten Tag‘
  204. Das war eine schwere Stund‘,
  205. Als am Balkone lag
  206. Auf ihren Knien Allgund.
  207. Laut waren des Herzens Schläge:
  208. „O Herr! erbarme dich mein,
  209. Und bracht‘ ich Böses zuwege,
  210. Mein sey die Buß‘ allein.“
  211. Dann beugt sie tief hinab,
  212. Sie horcht und horcht und lauscht:
  213. Vom Wehre tos’t es herab,
  214. Vom Forste drunten es rauscht.
  215. War das ein Fußtritt? nein!
  216. Der Hirsch setzt über die Kluft.
  217. Sollt‘ ein Signal das seyn?
  218. Doch nein, der Auerhahn ruft.
  219. „O mein Erlöser, mein Hort!
  220. Ich bin mit Sünde beschwert,
  221. Sey gnädig und nimm mich fort,
  222. Eh‘ heim mein Gatte gekehrt.“
  223. Ach, wen der Böse umgarnt,
  224. Dem alle Kraft er bricht!
  225. Doch hab‘ ich ja nur gewarnt,
  226. Verrathen, verrathen ja nicht!
  227. „Weh! das sind Rossestritte.“
  228. Sie sah sie fliegen durchs Thal
  229. Mit wildem grimmigen Ritte,
  230. Sie sah auch ihren Gemahl.
  231. Sie sah ihn dräuen, genau,
  232. Sie sah ihn ballen die Hand:
  233. Da sanken die Knie der Frau,
  234. Da rollte sie über den Rand.
  235. Und als zum Schlimmen entschlossen
  236. Der Graf sprengt‘ in das Thor,
  237. Kam Blut entgegen geflossen,
  238. Drang unter’m Gitter hervor.
  239. Und als er die Hände sah falten
  240. Sein Weib in letzter Noth,
  241. Da konnt‘ er den Zorn nicht halten,
  242. Bleich ward sein Gesicht so roth.
  243. „Weib, das den Tod sich erkor!“ –
  244. „‚S war nicht mein Wille“ sie sprach,
  245. Noch eben bracht‘ sie’s hervor.
  246. „Weib, das seine Schwüre brach!“
  247. Wie Abendlüfte verwehen
  248. Noch einmal haucht sie ihn an:
  249. „Es mußt‘ eine Sünde geschehen –
  250. Ich hab‘ sie für dich gethan!“