Das Blümlein Wunderschön

eine Ballade von Johann Wolfgang von Goethe

Lied des gefangnen Grafen
Graf

  1. Ich kenn ein Blümlein Wunderschön
  2. Und trage darnach Verlangen;
  3. Ich möcht es gerne zu suchen gehn,
  4. Allein ich bin gefangen.
  5. Die Schmerzen sind mir nicht gering;
  6. Denn als ich in der Freiheit ging,
  7. Da hatt ich es in der Nähe.
  8. Von diesem ringsum steilen Schloß
  9. Laß ich die Augen schweifen
  10. Und kann’s von hohem Turmgeschoß
  11. Mit Blicken nicht ergreifen;
  12. Und wer mir’s vor die Augen brächt,
  13. Es wäre Ritter oder Knecht,
  14. Der sollte mein Trauter bleiben.
  15. Rose

  16. Ich blühe schön und höre dies
  17. Hier unter deinem Gitter.
  18. Du meinest mich, die Rose, gewiß,
  19. Du edler armer Ritter!
  20. Du hast gar einen hohen Sinn,
  21. Es herrscht die Blumenkönigin
  22. Gewiß auch in deinem Herzen.
  23. Graf

  24. Dein Purpur ist aller Ehren wert
  25. Im grünen Überkleide;
  26. Darob das Mädchen dein begehrt,
  27. Wie Gold und edel Geschmeide.
  28. Dein Kranz erhöht das schönste Gesicht:
  29. Allein du bist das Blümchen nicht,
  30. Das ich im stillen verehre.
  31. Lilie

  32. Das Röslein hat gar stolzen Brauch
  33. Und strebet immer nach oben;
  34. Doch wird ein liebes Liebchen auch
  35. Der Lilie Zierde loben.
  36. Wem ’s Herze schlägt in treuer Brust
  37. Und ist sich rein, wie ich, bewußt,
  38. Der hält mich wohl am höchsten.
  39. Graf

  40. Ich nenne mich zwar keusch und rein
  41. Und rein von bösen Fehlen;
  42. Doch muß ich hier gefangen sein
  43. Und muß mich einsam quälen.
  44. Du bist mir zwar ein schönes Bild
  45. Von mancher Jungfrau, rein und mild:
  46. Doch weiß ich noch was Liebers.
  47. Nelke

  48. Das mag wohl ich, die Nelke, sein,
  49. Hier in des Wächters Garten,
  50. Wie würde sonst der Alte mein
  51. Mit so viel Sorge warten?
  52. Im schönen Kreis der Blätter Drang,
  53. Und Wohlgeruch das Leben lang,
  54. Und alle tausend Farben.
  55. Graf

  56. Die Nelke soll man nicht verschmähn,
  57. Sie ist des Gärtners Wonne:
  58. Bald muß sie in dem Lichte stehn,
  59. Bald schützt er sie vor Sonne;
  60. Doch was den Grafen glücklich macht,
  61. Es ist nicht ausgesuchte Pracht:
  62. Es ist ein stilles Blümchen.
  63. Veilchen

  64. Ich steh verborgen und gebückt
  65. Und mag nicht gerne sprechen,
  66. Doch will ich, weil sich’s eben schickt,
  67. Mein tiefes Schweigen brechen.
  68. Wenn ich es bin, du guter Mann,
  69. Wie schmerzt mich’s, daß ich hinauf nicht kann
  70. Dir alle Gerüche senden.
  71. Graf

  72. Das gute Veilchen schätz ich sehr:
  73. Es ist so gar bescheiden
  74. Und duftet so schön; doch brauch ich mehr
  75. In meinem herben Leiden.
  76. Ich will es euch nur eingestehn:
  77. Auf diesen dürren Felsenhöhn
  78. Ist’s Liebchen nicht zu finden.
  79. Doch wandelt unten, an dem Bach,
  80. Das treuste Weib der Erde,
  81. Und seufzet leise manches Ach,
  82. Bis ich erlöset werde.
  83. Wenn sie ein blaues Blümchen bricht
  84. Und immer sagt: »Vergiß mein nicht!«
  85. So fühl ich’s in der Ferne.
  86. Ja, in der Ferne fühlt sich die Macht,
  87. Wenn zwei sich redlich lieben;
  88. Drum bin ich in des Kerkers Nacht
  89. Auch noch lebendig geblieben.
  90. Und wenn mir fast das Herze bricht,
  91. So ruf ich nur: »Vergiß mein nicht!«
  92. Da komm ich wieder ins Leben.