Saint-Just

eine Ballade von Gertrud Kolmar

Reißt mir das Herz aus dem Leibe und freßt es,
so werdet ihr, was ihr nicht seid: groß …
Saint-Just.

  1. Einer stand mit blondem, wehndem Haar,
  2. Freiem Nacken auf dem Blutgerüste;
  3. Wüt’ge Gier sprang geifernd aus der Schar
  4. Und zerschlug an seiner Felsenküste.
  5. Aller Unflat, den er hart ertränkt,
  6. Jenes Morsche, das zerschellt er dachte,
  7. Hüpfte keck empor und spie und lachte:
  8. Heut wirst du gehenkt!
  9. Und er sah, was um ihn quoll und schmolz,
  10. Feiges Höhnen, Auswurf, Grind und Fäule,
  11. Trat in seinen kalten, klaren Stolz
  12. Und wuchs ein wie in kristallne Säule,
  13. Reckte sich ein wenig, daß sein Sieg,
  14. Seine Stirn den müden Himmel rührte,
  15. Daß die Menge, die den Anstoß spürte,
  16. Jäh erschauernd schwieg.
  17. Und er wußte: Heute bin ich tot,
  18. Heute nur, doch morgen soll ich leben.
  19. Er empfand noch Blau, ein Weiß, ein Rot,
  20. Sah der Wipfel grünen Atem schweben
  21. Und zu Füßen, bös geduckt und dumm,
  22. Seichte Brunst, das kaum bezähmte Hecheln,
  23. Blieb in starrem Hochmut ohne Lächeln,
  24. Wandte ohne Hast sich um
  25. Und starb ruhig einen Augenblick. –
  26. Als die Knechte ihn aufs Brett geschoben,
  27. Fuhr das Beil, durchfletschte sein Genick.
  28. Und der Henker zeigte aufgehoben
  29. Dieses Haupt mit bleichem offnen Lid,
  30. Fahlen Sternen, mit dem jungen Munde,
  31. Der den Frühschein erster Herrscherstunde,
  32. Sein Geheimnis, ernst verriet.
  33. Und sie tobten, jauchzten schamlos, nackt,
  34. Und sie tanzten wie entzückte Affen,
  35. Und die Tatze, die das Haupt gepackt,
  36. Warf es, rasch ihr Tagwerk fortzuschaffen,
  37. Einem Korbe hin. Da fiel es weit
  38. In Gewässer, die es murmelnd flößten,
  39. Sanft ihm blutverklebte Locken lösten:
  40. In die Allgerechtigkeit.