Sanct Stephan

eine Ballade von Gottfried August Bürger
  1. Sanct Stephan war ein Gottesmann,
  2. Von Gottes Geist berathen,
  3. Der durch den Glauben Kraft gewann
  4. Zu hohen Wunderthaten;
  5. Doch seines Glaubens Wunderkraft
  6. Und seine Himmelswissenschaft
  7. Verdroß die Schulgelehrten,
  8. Die Erdenweisheit ehrten.
  9. Und die Gelehrten stritten scharf
  10. Und waren ihm zuwider;
  11. Allein die Himmelsweisheit warf
  12. Die irdische darnieder,
  13. Und ihr beschämter Hochmuth sann
  14. Auf Rache an dem Gottesmann!
  15. Ihn zu verleumden, dungen
  16. Sie falscher Zeugen Zungen.
  17. Und gegen ihn in Aufruhr trat
  18. Die jüdische Gemeinde.
  19. Bald riß ihn vor den Hohen Rath
  20. Die Rachgier seiner Feinde.
  21. Die falschen Zeugen stiegen auf
  22. Und logen: Dieser hört nicht auf,
  23. Zu sträflichem Exempel
  24. Zu lästern Gott und Tempel.
  25. Sein Jesus, schmäht er, würde nun
  26. Des Tempels Dienst zerstören,
  27. Hinweg die Satzung Mosis thun
  28. Und andre Sitten lehren.
  29. Starr sah der ganze Rath ihn an;
  30. Doch er, mit Unschuld angethan,
  31. Trotzdem was sie bezeugten,
  32. Schien Engeln gleich zu leuchten.
  33. „Nun sprich! Ist dem also?“ begann
  34. Der Hohepriester endlich.
  35. Da hub er frei zu reden an
  36. Und deutete verständlich
  37. Der heiligen Propheten Sinn
  38. Und was der Herr von Anbeginn
  39. Zu Juda’s Heil und Frommen
  40. Gered’t und unternommen.
  41. „Doch, Unbeschnittne“, fuhr er fort,
  42. „An Herzen und an Ohren!
  43. An euch war Gottes That und Wort
  44. Von je und je verloren.
  45. Eu’r Stolz, der sich der Zucht entreißt,
  46. Stets widerstrebt er Gottes Geist.
  47. Ihr, sowie eure Väter,
  48. Seid Mörder und Verräther!“
  49. „Nennt mir Propheten, die sie nicht
  50. Verfolgt und hingerichtet,
  51. Wenn sie aus göttlichem Gesicht
  52. Des Heilands Kunft berichtet,
  53. Des Heilands, welchen eu’r Verrath
  54. Zu Tode jetzt gekreuzigt hat.
  55. Ihr wißt zwar Gottes Willen,
  56. Doch wollt ihn nie erfüllen.“
  57. Und horch! ein dumpfer Lärm erscholl.
  58. Es knirschte das Getümmel.
  59. Er aber ward des Geistes voll
  60. Und blickt‘ empor gen Himmel
  61. Und sah eröffnet weit und breit
  62. Des ganzen Himmels Herrlichkeit
  63. Und Jesum in den Höhen
  64. Zur Rechten Gottes stehen.
  65. Nun rief er hoch im Jubelton:
  66. „Ich seh‘ im offnen Himmel,
  67. Zu Gottes Rechten, Gottes Sohn!“
  68. Da stürmte das Getümmel
  69. Und brauste wie ein wildes Meer
  70. Und übertäubte das Gehör,
  71. Und wie von Sturm und Wogen
  72. Ward er hinweggezogen.
  73. Hinaus zum nächsten Thore brach
  74. Der Strom der tollen Menge
  75. Und schleifte den Mann Gottes nach,
  76. Zerstoßen im Gedränge;
  77. Und tausend Mörderstimmen schrien,
  78. Und Steine hagelten auf ihn
  79. Aus tausend Mörderhänden,
  80. Die Rache zu vollenden.
  81. Als er den letzten Odem zog,
  82. Zerschellt von ihrem Grimme,
  83. Da faltet‘ er die Hände hoch
  84. Und bat mit lauter Stimme:
  85. „Behalt‘, o Herr, für dein Gericht
  86. Dem Volke diese Sünde nicht! –
  87. Nimm meinen Geist von hinnen!“
  88. Hier schwanden ihm die Sinnen.
Sanct Stephan von Gottfried August Bürger wurde von balladen.net heruntergeladen, einem kostenlosen Literaturprojekt von Jonas Geldschläger.

Quelle: https://balladen.net/buerger/sanct-stephan/