Die Hochzeitsnacht

eine Ballade von Joseph von Eichendorff
  1. Nachts durch die stille Runde
  2. Rauschte des Rheines Lauf,
  3. Ein Schifflein zog im Grunde,
  4. Ein Ritter stand darauf.
  5. Die Blicke irre schweifen
  6. Von seines Schiffes Rand,
  7. Ein blutigrother Streifen
  8. Sich um das Haupt ihm wand.
  9. Der sprach: „Da oben stehet
  10. Ein Schlößlein über’m Rhein,
  11. Die an dem Fenster stehet:
  12. Das ist die Liebste mein.
  13. Sie hat mir Treu’ versprochen,
  14. Bis ich gekommen sey,
  15. Sie hat die Treu gebrochen,
  16. Und alles ist vorbei.“
  17. Viel Hochzeitleute drehen
  18. Sich oben laut und bunt,
  19. Sie bleibet einsam stehen,
  20. Und lauschet in den Grund.
  21. Und wie sie tanzen munter,
  22. Und Schiff und Schiffer schwand,
  23. Stieg sie vom Schloß herunter,
  24. Bis sie im Garten stand.
  25. Die Spielleut’ musizirten,
  26. Sie sann gar mancherlei,
  27. Die Töne sie so rührten,
  28. Als müßt’ das Herz entzwei.
  29. Da trat ihr Bräut’gam süße
  30. Zu ihr aus stiller Nacht,
  31. So freundlich er sie grüßte,
  32. Daß ihr daß Herze lacht.
  33. Er sprach: „Was willst Du weinen,
  34. Weil alle fröhlich sei’n?
  35. Die Stern’ so helle scheinen,
  36. So lustig geht der Rhein.“
  37. Das Kränzlein in den Haaren
  38. Steht Dir so wunderfein,
  39. Wir wollen etwas fahren
  40. Hinunter auf dem Rhein.
  41. Zum Kahn folgt’ sie behende,
  42. Setzt sich ganz vorne hin,
  43. Er setzt’ sich an das Ende
  44. Und ließ das Schifflein zieh’n.
  45. Sie sprach: „Die Töne kommen
  46. Verworren durch den Wind,
  47. Die Fenster sind verglommen,
  48. Wir fahren so geschwind.
  49. Was sind das für so lange
  50. Gebürge weit und breit?
  51. Mir wird auf einmal bange
  52. In dieser Einsamkeit!
  53. Und fremde Leute stehen
  54. Auf mancher Felsenwand,
  55. Und stehen still und sehen
  56. So schwindlich über’n Rand.“ –
  57. Der Bräut’gam schien so traurig
  58. Und sprach kein einzig Wort,
  59. Schaut in die Wellen schaurig
  60. Und rudert immerfort.
  61. Sie sprach: „Schon seh’ ich Streifen
  62. So roth im Morgen steh’n,
  63. Und Stimmen hör’ ich schweifen,
  64. Vom Ufer Hähne kräh’n.
  65. Du siehst so still und wilde,
  66. So bleich wird Dein Gesicht,
  67. Mir graut vor Deinem Bilde –
  68. Du bist mein Bräut’gam nicht!“ –
  69. Da stand er auf – das Sausen
  70. Hielt an in Fluth und Wald –
  71. Es rührt mit Lust und Grausen
  72. Das Herz ihr die Gestalt.
  73. Und wie mit steinern’n Armen
  74. Hob er sie auf voll Lust,
  75. Drückt ihren schönen, warmen
  76. Leib an die eis’ge Brust. –
  77. Licht wurden Wald und Höhen,
  78. Der Morgen schien blutroth,
  79. Das Schifflein sah man gehen,
  80. Die schöne Braut d’rin todt.
Illustration zur Ballade «Die Hochzeitsnacht»

Inhaltsangabe

Die Hochzeitsnacht ist ein Gedicht von Joseph von Eichendorff aus dem Jahr 1810. Im Zentrum steht die verhängnisvolle Begegnung einer Braut mit einem unheimlichen Bräutigam auf dem Rhein, die in ihren Tod führt.

Nachts am Rhein fährt ein Ritter auf einem kleinen Schiff vorbei, der verwirrt in die Tiefe blickt und eine blutrote Binde trägt. Er lässt verlauten, seine Geliebte habe ihm Treue versprochen, sie aber gebrochen. Oben im Schloss feiert zugleich eine Hochzeitsgesellschaft. Die Braut bleibt am Fenster zurück, lauscht dem Fluss und steigt schließlich allein in den Schlossgarten hinab, während Musik vom Fest herüberschallt.

Aus der Dunkelheit tritt ihr Bräutigam zu ihr, begrüßt sie freundlich und schlägt vor, auf dem Rhein zu fahren. Sie folgt ihm in einen Kahn. Während die Klänge der Feier verwehen und das Boot rasch flussabwärts treibt, überkommt sie Unruhe angesichts der einsamen Ufer und fremder Gestalten auf Felsen. Der Bräutigam bleibt stumm, wirkt traurig und rudert weiter, während die Nacht dem Morgen weicht.

Als der Morgen rötet und Hähne krähen, bemerkt die Braut seine bleiche, unheimliche Erscheinung und erkennt, dass er nicht ihr wahrer Bräutigam ist. In diesem Moment richtet er sich auf, die Natur erstarrt, und seine Gestalt ergreift sie mit kalter Umarmung. Bei Tagesanbruch treibt das Boot weiter; im Inneren liegt die schöne Braut tot.
» Balladen von Joseph von Eichendorff «
Letzte Aktualisierung 22. Mai 2026, 23:17 UhrMonatliche Leser60➘ Abnehmende Beliebtheit
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Quelle: https://balladen.net/eichendorff/die-hochzeitsnacht/
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