Jammertal

eine Ballade von Heinrich Heine
  1. Der Nachtwind durch die Luken pfeift,
  2. Und auf dem Dachstublager
  3. Zwei arme Seelen gebettet sind;
  4. Sie schauen so blaß und mager.
  5. Die eine arme Seele spricht:
  6. Umschling mich mit deinen Armen,
  7. An meinen Mund drück fest deinen Mund,
  8. Ich will an dir erwarmen.
  9. Die andere arme Seele spricht:
  10. Wenn ich dein Auge sehe,
  11. Verschwindet mein Elend, der Hunger, der Frost
  12. Und all mein Erdenwehe.
  13. Sie küßten sich viel, sie weinten noch mehr,
  14. Sie drückten sich seufzend die Hände,
  15. Sie lachten manchmal und sangen sogar,
  16. Und sie verstummten am Ende.
  17. Am Morgen kam der Kommissär,
  18. Und mit ihm kam ein braver
  19. Chirurgus, welcher konstatiert
  20. Den Tod der beiden Kadaver.
  21. Die strenge Wittrung, erklärte er,
  22. Mit Magenleere vereinigt,
  23. Hat beider Ableben verursacht, sie hat
  24. Zum mindesten solches beschleunigt.
  25. Wenn Fröste eintreten, setzt‘ er hinzu,
  26. Sei höchst notwendig Verwahrung
  27. Durch wollene Decken; er empfahl
  28. Gleichfalls gesunde Nahrung.
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Quelle: https://balladen.net/heine/jammertal/