Meister Gerhard von Köln

eine Ballade von Annette von Droste-Hülshoff

Ein Notturno

  1. Wenn in den linden Vollmondnächten
  2. Die Nebel lagern überm Rhein,
  3. Und graue Silberfäden flechten
  4. Ein Florgewand dem Heil’genschrein:
  5. Es träumt die Waldung, duftumsäumt,
  6. Es träumt die dunkle Flutenschlange,
  7. Wie eine Robbe liegt am Hange
  8. Der Schürg‘ und träumt.
  9. Tief zieht die Nacht den feuchten Odem,
  10. Des Walles Gräser zucken matt,
  11. Und ein verhauchter Grabesbrodem
  12. Liegt über der entschlafnen Stadt:
  13. Sie hört das Schlummerlied der Well’n,
  14. Das leise murmelnde Geschäume,
  15. Und tiefer, tiefer sinkt in Träume
  16. Das alte Köln.
  17. Dort wo die graue Kathedrale,
  18. Ein riesenhafter Zeitentraum,
  19. Entsteigt dem düstern Trümmermale
  20. Der Macht, die auch zerrann wie Schaum –
  21. Dort, in der Scheibe Purpurrund
  22. Hat taumelnd sich der Strahl gegossen
  23. Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen,
  24. Bis auf den Grund.
  25. Wie ist es schauerlich im weiten
  26. Versteinten öden Palmenwald,
  27. Wo die Gedanken niedergleiten
  28. Wie Anakonden schwer und kalt;
  29. Und blutig sich der Schatten hebt
  30. Am blut’gen Märtyrer der Scheibe,
  31. Wie neben dem gebannten Leibe
  32. Die Seele schwebt.
  33. Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe
  34. Schläft halbgeschlossen Blum‘ und Kraut;
  35. Wie nackt gespülte Uferriffe
  36. Die Streben lehnen, tief ergraut;
  37. Anschwellend zum Altare dort,
  38. Dann aufwärts dehnend, lang gezogen,
  39. Schlingen die Häupter sie zu Bogen,
  40. Und schlummern fort.
  41. Und immer schwerer will es rinnen
  42. Von Quader, Säulenknauf und Schaft,
  43. Und in dem Strahle will’s gewinnen
  44. Ein dunstig Leben, geisterhaft:
  45. Da horch! es dröhnt im Turme – ha!
  46. Die Glocke summt – da leise säuselt
  47. Der Dunst, er zucket, wimmelt, kräuselt –
  48. Nun steht es da! –
  49. Ein Nebelmäntlein umgeschlagen,
  50. Ein graues Käppchen, grau Gewand,
  51. Am grauen Halse grauer Kragen,
  52. Das Richtmaß in der Aschenhand.
  53. Durch seine Glieder zitternd geht
  54. Der Strahl wie in verhaltner Trauer,
  55. Doch an dem Estrich, an der Mauer
  56. Kein Schatten steht.
  57. Es wiegt das Haupt nach allen Seiten,
  58. Unhörbar schwebt es durch den Raum,
  59. Nun sieh es um die Säulen gleiten,
  60. Nun fahrt es an der Orgel Saum;
  61. Und allerorten legt es an
  62. Sein Richtmaß, webert auf und nieder,
  63. Und leise zuckt das Spiel der Glieder,
  64. Wie Rauch im Tann.
  65. War das der Nacht gewalt’ger Odem? –
  66. Ein weit zerfloßner Seufzerhall,
  67. Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem
  68. Durchquillt die öden Räume all:
  69. Und an der Pforte, himmelan
  70. Das Männlein ringt die Hand, die fahle,
  71. Dann gleitet’s aufwärts am Portale –
  72. Es steht am Kran.
  73. Und über die entschlafnen Wellen
  74. Die Hand es mit dem Richtmaß streckt;
  75. Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen,
  76. Sie brodeln auf, wie halb geweckt;
  77. Als drüber nun die Stimme dröhnt,
  78. Ein dumpf, verhallend, fern Getose,
  79. Wie träumend sich Im Wolkenschoße
  80. Der Donner dehnt.
  81. »Ich habe diesen Bau gestellt,
  82. Ich bin der Geist vergangner Jahre!
  83. Weh! dieses dumpfe Schlummerfeld
  84. Ist schlimmer viel als Totenbahre!
  85. O wann, wann steigt die Stunde auf,
  86. Wo ich soll lang Begrabnes schauen?
  87. Mein starker Strom, ihr meine Gauen
  88. Wann wacht ihr auf? –
  89. »Ich bin der Wächter an dem Turm,
  90. Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen,
  91. Mein Hornesstoß der Zeitensturm,
  92. Allein sie schliefen, schliefen, schliefen!
  93. Und schlafen fort, ich höre nicht
  94. Den Meißel klingen am Gesteine,
  95. Wo tausend Hände sind wie eine,
  96. Ich hör‘ es nicht! –
  97. Und kann nicht ruhn, ich sehe dann
  98. Zuvor den alten Kran sich regen,
  99. Daß ich mein treues Richtmaß kann
  100. In eine treue Rechte legen!
  101. Wenn durch das Land ein Handschlag schallt,
  102. Wie einer alle Pulse klopfen,
  103. Ein Strom die Millionen Tropfen -«
  104. Da silbern wallt
  105. Im Osten auf des Morgens Fahne,
  106. Und, ein zerfloßner Nebelstreif,
  107. Der Meister fährt empor am Krane. –
  108. Mit Räderknarren und Gepfeif,
  109. Ein rauchend Ungeheuer, schäumt
  110. Das Dampfboot durch den Rhein, den blauen –
  111. O deutsche Männer! deutsche Frauen!
  112. Hab‘ ich geträumt? –