Erlkönig

eine Ballade von Johann Wolfgang von Goethe
  1. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
  2. Es ist der Vater mit seinem Kind;
  3. Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
  4. Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
  5. Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —
  6. Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
  7. Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? —
  8. Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —
  9. „Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
  10. Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
  11. Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
  12. Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ —
  13. Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
  14. Was Erlenkönig mir leise verspricht? —
  15. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
  16. In dürren Blättern säuselt der Wind. —
  17. „Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
  18. Meine Töchter sollen dich warten schön;
  19. Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
  20. Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ —
  21. Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
  22. Erlkönigs Töchter am düstern Ort? —
  23. Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
  24. Es scheinen die alten Weiden so grau. —
  25. „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
  26. Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ —
  27. Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
  28. Erlkönig hat mir ein Leids getan! —
  29. Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
  30. Er hält in Armen das ächzende Kind,
  31. Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
  32. In seinen Armen das Kind war tot.
Illustration zur Ballade «Erlkönig»

Hintergrund

Der Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe ist eines der bekanntesten Werke des Dichters und außerdem eine der bekanntesten deutschen Balladen überhaupt.

Sie wurde im Jahr 1782 veröffentlicht und ist neben Der Fischer und Der König in Thule eine der frühen Balladen Goethes. Sie erschien 15 Jahre vor dem Balladenjahr, in dem Goethe und Schiller allerhand bedeutsame Balladen verfassten.

Goethe bezieht sich im Erlkönig auf einen dänischen Stoff

Inhaltsangabe

Johann Wolfgang von Goethes Ballade Erlkönig erzählt von einem Vater, der nachts mit seinem kleinen Sohn durch einen dunklen Wald reitet. Der Vater hält das Kind schützend im Arm und versucht es zu beruhigen, denn der Sohn glaubt in der Finsternis die geheimnisvolle Gestalt des Erlkönigs zu sehen. Immer wieder spricht der Erlkönig den Jungen an und versucht ihn mit freundlichen und verführerischen Worten in sein Reich zu locken.

Der Sohn reagiert voller Angst und fühlt sich zunehmend bedroht. Der Vater versucht die Erscheinungen seines Kindes rational zu erklären: Der Nebel sei nur ein Nebelstreif, das Rascheln der Blätter komme vom Wind und die Gestalten seien lediglich Schatten alter Weiden. Für den Jungen wirken die Begegnungen mit dem Erlkönig jedoch vollkommen real. Während des Ritts steigert sich seine Angst immer weiter, bis der Erlkönig schließlich gewaltsam nach ihm greifen will.

Nun gerät auch der Vater in Panik und treibt sein Pferd so schnell wie möglich zum heimatlichen Hof. Als er dort ankommt, erkennt er jedoch entsetzt, dass sein Sohn bereits tot in seinen Armen liegt.

Die Ballade verbindet auf eindringliche Weise Wirklichkeit und Übernatürliches und erzeugt durch den Wechsel zwischen beruhigenden Erklärungen des Vaters und den bedrohlichen Visionen des Kindes eine zunehmend düstere und unheimliche Atmosphäre.

Sonstiges

Warum und woran stirbt das Kind eigentlich?
Diese Frage wird im Text nicht eindeutig beantwortet und so bleibt offen, ob der Erlkönig tatsächlich existiert oder nur eine Erscheinung des fiebernden Kindes ist. Viele Interpretationen gehen davon aus, dass der Junge schwer krank ist und im Fieberwahn Halluzinationen erlebt. Der Erlkönig wäre dann ein Sinnbild für den nahenden Tod. Andere Deutungen sehen in der Gestalt des Erlkönigs dagegen eine wirkliche übernatürliche Macht, die das Kind zu sich holt oder verstehen das Sterben nur als Übergang zwischen Kindheit und dem Erwachsensein. Gerade diese Unklarheit macht die Ballade so unheimlich und faszinierend.
Handelt es sich um eine wahre Geschichte?
Nein, die Ballade erzählt keine nachweislich wahre Geschichte. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Goethe von einer Erzählung inspiriert wurde: Während seines Aufenthalts in Jena soll er von einem Bauern gehört haben, der nachts mit seinem kranken Kind zum Arzt ritt. Daraus entwickelte Goethe die literarische Handlung des Erlkönigs. Die Figur selbst stammt aus alten dänischen Sagen und Volksballaden.
Was symbolisiert der Erlkönig?
Der Erlkönig wird oft als Symbol des Todes verstanden. Er erscheint zunächst freundlich und verführerisch, wird aber immer bedrohlicher. Andere Interpretationen sehen in ihm eine übernatürliche Naturmacht, die den Jungen zu sich lockt. Manche Deutungen verstehen ihn auch als Sinnbild für Angst, Krankheit oder den Verlust der Kindheit.
Warum glaubt der Vater dem Kind nicht?
Der Vater versucht die Erscheinungen seines Sohnes rational zu erklären. Für ihn sind der Nebel, das Rascheln der Blätter und die Schatten der Weiden natürliche Phänomene. Damit verkörpert er die aufgeklärte, vernünftige Sichtweise, während das Kind offen für das Geheimnisvolle und Unheimliche ist.
Warum gilt der Erlkönig als typische Ballade?
Die Ballade verbindet mehrere literarische Elemente miteinander: Sie erzählt eine spannende Handlung wie eine epische Geschichte, enthält Dialoge wie ein Drama und arbeitet zugleich mit dichterischer Sprache und Rhythmus wie ein Gedicht. Typisch ist außerdem die dramatische Zuspitzung bis zum überraschenden Schluss. Ähnlich klassisch sind Der Zauberlehrling, John Maynard oder Die Bürgschaft aufgebaut.
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Letzte Aktualisierung 20. Mai 2026, 21:00 UhrMonatliche Leser3303✭ Beliebtes Werk➘ Abnehmende Beliebtheit
Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe wurde von balladen.net heruntergeladen, einem kostenlosen Literaturprojekt von Jonas Geldschläger.

Quelle: https://balladen.net/goethe/erlkoenig/
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