König Harald Harfagar

eine Ballade von Heinrich Heine
  1. Der König Harald Harfagar
  2. Sitzt unten in Meeresgründen
  3. Bei seiner schönen Wasserfee;
  4. Die Jahre kommen und schwinden.
  5. Von Nixenzauber gebannt und gefeit,
  6. Er kann nicht leben, nicht sterben;
  7. Zweihundert Jahre dauert schon
  8. Sein seliges Verderben.
  9. Des Königs Haupt liegt auf dem Schoß
  10. Der holden Frau, und mit Schmachten
  11. Schaut er nach ihren Augen empor;
  12. Kann nicht genug sie betrachten.
  13. Sein goldnes Haar ward silbergrau,
  14. Es treten die Backenknochen
  15. Gespenstisch hervor aus dem gelben Gesicht,
  16. Der Leib ist welk und gebrochen.
  17. Manchmal aus seinem Liebestraum
  18. Wird er plötzlich aufgeschüttert,
  19. Denn droben stürmt so wild die Flut,
  20. Und das gläserne Schloß erzittert.
  21. Manchmal ist ihm, als hört er im Wind
  22. Normannenruf erschallen;
  23. Er hebt die Arme mit freudiger Hast,
  24. Läßt traurig sie wieder fallen.
  25. Manchmal ist ihm, als hört er gar,
  26. Wie die Schiffer singen hier oben
  27. Und den König Harald Harfagar
  28. Im Heldenliede loben.
  29. Der König stöhnt und schluchzt und weint
  30. Alsdann aus Herzensgrunde.
  31. Schnell beugt sich hinab die Wasserfee
  32. Und küßt ihn mit lachendem Munde.