Frau Mette

eine Ballade von Heinrich Heine
  1. Herr Peter und Bender saßen beim Wein,
  2. Herr Bender sprach: »Ich wette,
  3. Bezwänge dein Singen die ganze Welt,
  4. Doch nimmer bezwingt es Frau Mette.«
  5. Herr Peter sprach: »Ich wette mein Roß
  6. Wohl gegen deine Hunde,
  7. Frau Mette sing ich nach meinem Hof,
  8. Noch heut, in der Mitternachtsstunde.«
  9. Und als die Mitternachtsstunde kam,
  10. Herr Peter hub an zu singen;
  11. Wohl über den Fluß, wohl über den Wald
  12. Die süßen Töne dringen.
  13. Die Tannenbäume horchen so still,
  14. Die Flut hört auf zu rauschen,
  15. Am Himmel zittert der blasse Mond,
  16. Die klugen Sterne lauschen.
  17. Frau Mette erwacht aus ihrem Schlaf:
  18. Wer singt vor meiner Kammer?
  19. Sie achselt ihr Kleid, sie schreitet hinaus; –
  20. Das ward zu großem Jammer.
  21. Wohl durch den Wald, wohl durch den Fluß
  22. Sie schreitet unaufhaltsam;
  23. Herr Peter zog sie nach seinem Hof
  24. Mit seinem Liede gewaltsam.
  25. Und als sie morgens nach Hause kam,
  26. Vor der Türe stand Herr Bender:
  27. »Frau Mette, wo bist du gewesen zur Nacht?
  28. Es triefen deine Gewänder?«
  29. »Ich war heut Nacht am Nixenfluß,
  30. Da hört ich prophezeien,
  31. Es plätscherten und bespritzten mich
  32. Die neckenden Wasserfeien.«
  33. »Am Nixenfluß ist feiner Sand,
  34. Dort bist du nicht gegangen,
  35. Zerrissen und blutig sind deine Füß,
  36. Auch bluten deine Wangen.«
  37. »Ich war heut nacht im Elfenwald,
  38. Zu schaun den Elfenreigen,
  39. Ich hab mir verwundet Fuß und Gesicht
  40. An Dornen und Tannenzweigen.«
  41. »Die Elfen tanzen im Monat Mai
  42. Auf weichen Blumenfeldern,
  43. Jetzt aber herrscht der kalte Herbst
  44. Und heult der Wind in den Wäldern.«
  45. »Bei Peter Nilsen war ich heut nacht,
  46. Er sang, und zaubergewaltsam
  47. Wohl durch den Wald, wohl durch den Fluß
  48. Es zog mich unaufhaltsam.
  49. Sein Lied ist stark als wie der Tod,
  50. Es lockt in Nacht und Verderben.
  51. Noch brennt mir im Herzen die tönende Glut.
  52. Ich weiß, jetzt muß ich sterben.« –
  53. Die Kirchentür ist schwarz behängt,
  54. Die Trauerglocken läuten;
  55. Das soll den jämmerlichen Tod
  56. Der armen Frau Mette bedeuten.
  57. Herr Bender steht vor der Leichenbahr
  58. Und seufzt aus Herzensgrunde:
  59. Nun hab ich verloren mein schönes Weib
  60. Und meine treuen Hunde.