Keine gemeine, schändliche Hand schnitt seinen Lebensfaden ab,
die Mörderin war ein junges Mädchen voll weiblicher Tugend…
Um sieben Uhr kam Marie-Anne Charlotte Corday zu dem
Bürger Marat… (Restif de la Bretonne)
- Die in Schleiern schwebend und geweiht,
- Eine aschenblonde Kerze, glomm:
- Ihre Augen blühten klar und fromm,
- Ihre Hände griffen Dunkelheit;
- Dunkelheit umschmiegte, was sie barg,
- Ihres Mordes streng erwählte Pflicht,
- Da sie ohne Flackern ihr Gesicht
- Leuchtend hinhob an den nahen Sarg.
- In den düstern Käfig stieg sie hell.
- Ach, die Treppe war so schwer zu gehn!
- Jede Stufe ward ihr zehnmal zehn,
- Alle Stufen schwanden viel zu schnell.
- Als ihr Mut die Glocke droben zog,
- Schrie das Herz, schrie Wehe ob der Hand,
- Rief so tönend, daß sie nicht verstand,
- Wie ihr Mund die Öffnende belog.
- Jenes ernste, ungeschmückte Weib,
- Das den Dämon heilig liebte, ihn,
- Der von Flammenkronen widerschien…
- Und sie sah das Bad, den Männerleib,
- Sah die Schulter nackt, die breite Brust,
- Um sein Haupt ein wunderliches Tuch,
- Spürte dünnen Arzeneigeruch,
- Fand in falbem armutskranken Dust
- Linnen, Wanne, Brett und Tintenfaß,
- Federkiel, der winkte. Und sie kam,
- Warf vom Lid die Röte ihrer Scham,
- Riß ums Antlitz blendend ihren Haß,
- Saß so stark und zitternd zu Gericht,
- Bot den Zettel, den er fiebrig griff,
- Wiederholte schweigend dieses: „Triff!“,
- Fest sich fassend schon. Sie wußte nicht,
- Daß er groß war. Aber sie war rein,
- Stahl, der seine Feuerpranke brach.
- Sie erglänzte, zuckte auch und stach
- Als ein Messer blitzend in ihn ein.
- Werkzeug, gleich umklammert und zerschellt;
- Heldin, die dem Glauben starb. Er ruht.
- Aus der Wunde fließt sein Herz, sein Blut
- Über Frankreich strömend in die Welt.
Charlotte Corday von Gertrud Kolmar wurde von
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Quelle: https://balladen.net/kolmar/charlotte-corday/
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