Die drei Indianer

eine Ballade von Nikolaus Lenau
  1. Mächtig zürnt der Himmel im Gewitter,
  2. Schmettert manche Rieseneich in Splitter,
  3. Übertönt des Niagara Stimme,
  4. Und mit seiner Blitze Flammenruten
  5. Peitscht er schneller die beschäumten Fluten,
  6. Daß sie stürzen mit empörtem Grimme.
  7. Indianer stehn am lauten Strande,
  8. Lauschen nach dem wilden Wogenbrande,
  9. Nach des Waldes bangem Sterbgestöhne;
  10. Greis der eine, mit ergrautem Haare,
  11. Aufrecht überragend seine Jahre,
  12. Die zwei andern seine starken Söhne.
  13. Seine Söhne jetzt der Greis betrachtet,
  14. Und sein Blick sich dunkler jetzt umnachtet
  15. Als die Wolken, die den Himmel schwärzen,
  16. Und sein Aug versendet wildre Blitze
  17. Als das Wetter durch die Wolkenritze,
  18. Und er spricht aus tiefempörtem Herzen:
  19. „Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren!
  20. Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren,
  21. Die einst Bettler unsern Strand erklettert!
  22. Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe!
  23. Hundert Flüche jedem Felsenriffe,
  24. Das sie nicht hat in den Grund geschmettert!
  25. Täglich übers Meer in wilder Eile
  26. Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile,
  27. Treffen unsre Küste mit Verderben.
  28. Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen,
  29. Als im Herzen tödlich bittres Hassen:
  30. Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben!“
  31. Also sprach der Alte, und sie schneiden
  32. Ihren Nachen von den Uferweiden,
  33. Drauf sie nach des Stromes Mitte ringen;
  34. Und nun werfen sie weithin die Ruder,
  35. Armverschlungen Vater, Sohn und Bruder
  36. Stimmen an, ihr Sterbelied zu singen.
  37. Laut ununterbrochne Donner krachen,
  38. Blitze flattern um den Todesnachen,
  39. Ihn umtaumeln Möwen sturmesmunter;
  40. Und die Männer kommen festentschlossen
  41. Singend schon dem Falle zugeschossen,
  42. Stürzen jetzt den Katarakt hinunter.
Illustration zur Ballade «Die drei Indianer»

Inhaltsangabe

Die drei Indianer ist eine Ballade von Nikolaus Lenau aus dem Jahr 1834. Im Zentrum steht die entschlossene Selbsttötung eines indianischen Vaters mit seinen zwei Söhnen als Reaktion auf die gewaltsame Verdrängung durch europäische Siedler.

Während eines heftigen Gewitters stehen ein greiser Indianer und seine zwei erwachsenen Söhne am Ufer der Niagara-Fälle. Der Lärm des Sturms übertönt selbst den Wasserfall, der Wald wirkt zerstört und bedrohlich. Der Vater betrachtet seine Söhne und steigert sich in Zorn gegen die Eindringlinge, die aus Übersee anlanden, ihre Herrschaft ausbauen und Leid bringen.

Er erklärt, die Weißen und alles, was ihre Überfahrt ermöglicht hat, verdienten den Fluch, da sie als Bittsteller gekommen seien und das Land mit Gewalt genommen hätten. Weil den Einheimischen außer bitterem Hass nichts geblieben sei, fordert er seine Söhne auf, gemeinsam zu sterben.

Die drei lösen ihr Boot, fahren in die Mitte des Stroms, legen die Ruder beiseite und singen, die Arme ineinander verschränkt, ihr Totenlied. Vom Donner und zuckenden Blitzen umgeben, steuern sie entschlossen auf den Wasserfall zu und stürzen schließlich gemeinsam den Katarakt hinab.

Die Ballade zeigt die ausweglose Verzweiflung der Entrechteten und verdichtet Kolonialisierungserfahrung zu einem pathetischen Bild des kollektiven Untergangs. Sie wirkt anklagend gegenüber der Gewalt der Eroberer und betont die unheilbare Wunde, die diese Begegnung hinterlassen hat.
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Letzte Aktualisierung 19. Mai 2026, 15:56 UhrMonatliche Leser48➘ Abnehmende Beliebtheit
Die drei Indianer von Nikolaus Lenau wurde von balladen.net heruntergeladen, einem kostenlosen Literaturprojekt von Jonas Geldschläger.

Quelle: https://balladen.net/lenau/die-drei-indianer/
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