Mit zwei Worten

eine Ballade von Conrad Ferdinand Meyer
  1. Am Gestade Palästina’s, auf und nieder, Tag um Tag,
  2. „London?“ frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
  3. „London!“ bat sie lang vergebens, nimmer ward sie müd und zag,
  4. Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.
  5. Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.
  6. Meer und Himmel. „London?“ frug sie, von der Heimath abgekehrt,
  7. Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
  8. Nach den Küsten wo die Sonne sich in Abendgluth verzehrt …
  9. „Gilbert?“ fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,
  10. Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
  11. „Tausend Gilbert giebt’s in London!“ Doch sie schreitet nimmer matt.
  12. „Labe dich mit Trank und Speise!“ Doch sie wird von Thränen satt.
  13. „Gilbert!“ „Nichts als Gilbert? weißt du keine andern Worte? nein?“
  14. „Gilbert!“ … „Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein –
  15. Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein –
  16. Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein –“
  17. „Pilgrim Gilbert Becket!“ dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.
  18. Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,
  19. Ueber seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
  20. Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.
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Quelle: https://balladen.net/meyer/mit-zwei-worten/