Der Werwolf

eine Ballade von Christian Morgenstern
  1. Ein Werwolf eines Nachts entwich
  2. von Weib und Kind, und sich begab
  3. an eines Dorfschullehrers Grab
  4. und bat ihn: Bitte, beuge mich!
  5. Der Dorfschulmeister stieg hinauf
  6. auf seines Blechschilds Messingknauf
  7. und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
  8. geduldig kreuzte vor dem Toten:
  9. »Der Werwolf«, – sprach der gute Mann,
  10. »des Weswolfs« – Genitiv sodann,
  11. »dem Wemwolf« – Dativ, wie man’s nennt,
  12. »den Wenwolf« – damit hat’s ein End‘.
  13. Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
  14. er rollte seine Augenbälle.
  15. Indessen, bat er, füge doch
  16. zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
  17. Der Dorfschulmeister aber mußte
  18. gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
  19. Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
  20. doch „Wer“ gäb’s nur im Singular.
  21. Der Wolf erhob sich tränenblind –
  22. er hatte ja doch Weib und Kind!
  23. Doch da er kein Gelehrter eben,
  24. so schied er dankend und ergeben.